Prosa

Vaterlos

I.

Hans hasste seine Mutter. Er lebte nun schon sein Leben lang mit ihr zusammen. Ausziehen? Nein, das hatte sie ihm damals verboten. Sie – klein, zierlich und für ihr Alter stilsicher. Er – groß gewachsen und sehr fettleibig, ungepflegtes Äußeres. Körpergeruch. Sie wollte, dass sie im gleichen Bett schlafen. Das war das einzige, wo er sich mal durchsetzen hatte. Er war doch nicht der Ehemann oder Geliebte! Sie hat ihm das nie verziehen. Oft, nach dem sie sich besonders erbittert gestritten hatten, bot sie ihm versöhnend den Platz neben sich an. Das hatte ihn nur noch wütender gemacht. Dann verschwand er Tür knallend in seinem Zimmer. Sie weinte sich in den Schlaf. Er nannte sie nie Mutter, das wollte sie nicht. Emma, so sollte er sie nennen. Freunde hatte sie ihm auch verboten. Frauen sowieso. Ach, wenn er bloß gutaussehend und muskulös wäre. Dann würden sie ihm alle zu Füßen liegen. Aber so? Im Sport war er eine Niete. Kein Bock, wie überall im Leben. Hauptschule? Mit Mühe und Not abgeschlossen, Schlosserlehre? – abgebrochen. Danach das Amt. Bewerbungen sollte er schreiben, 30 pro Monat. Das konnte er nicht. Zu sehr fühlte er sich als Versarger. Beschränkt. Dumm. Faul. Zu nichts zu gebrauchen. Aber in Emmas Augen war er der Beste. Er hätte sich doch bloß anstrengen müssen. Dann wäre er längst Manager oder Arzt geworden. Aber er war ja faul. Hans regte das nur noch mehr auf. Sie solle doch endlich kapieren, dass er ein Taugenichts war! Dann würde sie ihn in Ruhe lassen! Als dann das Jobcenter ihm den Geldhahn zugedreht hatte, bot sie ihm natürlich Taschengeld an. Wie einem Kind. Das war demütigend. Aber seine einzige Wahl. Jetzt lebten sie von ihrer Rente. Manchmal, es war mit dem Alter seltener geworden, klappte Hans seinen Laptop auf und schaute Bilder von nackten Kindern am FKK-Strand an. Dabei spielte er an seinem erbärmlichen Zipfel herum. Selbst zum Kinderporno-Gucken war er zu feige. Zu gefährlich. Jedes mal erschauderte er, wenn er wieder in der Bild las, dass diese oder jene Kinderporno-Plattform im Netz hochgegangen war. Aber ihm konnte das nicht passieren. »Ist ja alles legal«, damit tröstete πer sein schlechtes Gewissen. Im Grunde ging es ihm nur darum, sich an die Zeit mit Angelika zu erinnern. Das eine Doktorspiel damals. Das war das einzige und letzte Mal, dass er eine Möse »in live« gesehen hatte. Traurig machte ihn das. Aber was sollte er tun? Da war doch Emma, sie hatte ihm sie alle vergrault. Nicht, dass er je eine in Aussicht hatte, aber wenn, dann hätte Emma das sicherlich nicht zugelassen gehabt. Nun war sie 80 geworden. Ein schönes Fest. Wunderbar! Er und sie alleine beim Bäcker Kuchen essen.
Eines Tages kam er vom Einkaufen nachhause und Emma lief ihm nicht, wie immer, freudig entgegen. Er rief: »Emma! Emma!«, nichts regte sich in der Wohnung. Als er dann in ihr Zimmer reingekommen war, lag sie da. Auf dem Boden. Regungslos. Der Notarzt war gekommen und stellte amtlich den Tod fest.
Hans konnte mit seinen Gefühlen nichts anfangen. Er tobte, er weinte, er lag stundenlang regungslos im Bett. Er hasste sie so sehr! Nein, er liebte sie so sehr… Sie war doch der einzige Mensch, den er hatte, nein, jetzt, jaaaaa, jetzt, könne er alles machen, was er wolle, dachte er. »Ja, genau, jetzt fängt ein ganz neues Leben an! Jetzt lerne ich eine Frau kennen, jetzt werde ich Kumpels finden!« Er war frei. Ja, er konnte ein völlig neues Leben beginnen.

II.

Ich hatte diese Nachbarn in der Wohnung neben an, Mutter und Sohn. Sie lebten sehr zurückgezogen, niemand kannte sie wirklich im Haus. Ich hörte oft, wie sie sich lauthals stritten. »Wenn es so schlimm ist, warum nicht ausziehen, Herr Börges?«, dachte ich mir immer, oder wollte ich ihm sogar mal sagen. Aber was soll’s. Jeder ist seines Glückes Schmied. Ich wollte mich gut mit allen im Haus stellen. Im Grunde war es mir auch egal. Wenn er wollte, dann könnte er. Er wollte offenbar nicht. Punkt.
Eines Tages war ein Rettungswagen gekommen. Seit dem sah ich Frau Börges nicht mehr. Dann erzählte mir eine Nachbarin, dass sie plötzlich verstorben war. Nun ja, was heißt plötzlich, niemand über 80 stirbt plötzlich und unerwartet. Jedenfalls lebte ihr Sohn weiter allein in der Wohnung. Das seltsame war, er stritt sich immer noch. MIT SICH SELBST. Das war unheimlich. Der jahrelange Dialog war zu einem Monolog verkommen. Das ließ mich erschaudern.
Eines kalten Tages im Oktober hatte ich ein lautes »AAAAAACH« und einen Dumpfen Schlag gehört. Ich dachte mir nichts dabei. Na ja, der Herr Börges ist halt ein richtiger Moppel. Da kracht’s wenn so einer umfällt. Tage später verbreitete sich allmählich dieser süßliche Geruch im Hausflur. Ich ging zur Hauseigentümerin, die im Erdgeschoss wohnte. »Wir haben Rattenfallen ausgelegt«, sagte sie, »Wir kümmern uns darum«. Und tatsächlich, mit dem Wintereinbruch war der Gestank weg. Danach vergingen einige Jahre. Und ich dachte mir nichts dabei, dass ich schon länger Herrn Börges nicht mehr gesehen hatte, oder dass es so seltsam ruhig hinter meiner Schlafzimmerwand wurde.
Eines Morgens hörte ich aufdringliches Geklingel im Hausflur. Ich schaute aus der Wohnungstür raus. Ich sah den Sohn der Vermieterin. »Was ist los?«, fragte ich. »Der Börges zahlt keine Miete mehr, ich soll nach ihm sehen«. Trotz heftigen Klingelns und Klopfens machte niemand auf. Nach einigen Tagen kam die Polizei, befragte die Nachbarn, schaute nach dem Briefkasten. Dann machten die Polizisten die Börges-Tür auf. Rufe, Getümmel, Notarzt, Leichenwagen. Nein, das konnte nicht sein. Nicht bei mir im Haus. Nicht neben meiner Wohnung. Davon ließt man doch bloß in der Zeitung.